alter idem : Das zweite ich ~~ welches niemand kennt

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Im Erdgeschoss der Bahnhofskneipe wird ein amerikanisches Frühstücksbuffet aufgebaut. Ein paar Meter höher, auf der Galerie, sagt Julia, 24, dass sie keinen Hunger habe. Mit angezogenen Knien sitzt sie auf dem Holzstuhl und spielt mit den Bommeln ihrer Stiefel. Etwas nervös ist sie schon, normalerweise erzählt sie nur ihren Freunden im Internet, warum sie so dünn sein möchte, dünner noch als jetzt, wo sie in ihrer Winterjacke schon fast verschwindet. Seit neun Jahren hat sie Bulimie und kotzt das Meiste, was sie gegessen hat, so schnell wie möglich wieder aus. Aber das reicht ihr nicht, sie möchte außerdem magersüchtig sein, erklärt sie, zündet sich eine der vielen Zigaretten an, die sie heute rauchen wird, und fügt hinzu: „Wenn du mich fragen würdest, ob ich krank bin, würde ich sagen: nein.“

In einer anderen Fußgängerzone, eineinhalb Zugstunden nördlich von Julias Cafétisch, sitzt Tanja in einer Eisdiele und friert. Der Laden ist gut beheizt, aber Tanja ist mit ihren 19 Jahren schmal wie ein Kind, da nützt die Heizung nicht viel. Aus den Lautsprechern an der Decke klimpern italienische Schlager, Kellner tragen dicke Eisbecher mit Sahne herum. Tanja bestellt eine Diätcola. Sie nippt daran und erklärt: „Magersucht ist mehr als eine Krankheit. Es ist ein Lebensgefühl.“

Fast jeder kennt Menschen, die von ihrem Gewicht besessen sind. Fast jeder kennt auch einen Jungen oder ein Mädchen, dessen Dauerdiät verdächtig nach Essstörung aussieht. Aber Mädchen wie Julia oder Tanja, die ihre Essstörung betreiben wie andere einen Sport – die kennt kaum einer.
Dabei sind sie nur zwei von hunderttausenden, die sich auf Internetseiten, in Foren und Blogs dazu bekennen. Im echten Leben fallen sie nicht weiter auf, sind sie vielleicht die dünne Blonde in der U-Bahn oder der schmale Strich mit dem dicken Wollschal im Seminar. Die dünnen Beide sieht man, nicht aber, dass ihre Magersucht Ausdruck eines Lebensgefühls ist.

„Pro Ana“ heißt die Überschrift zu diesem Lebensgefühl, bei dem es darum geht, sich bewusst ins Untergewicht zu hungern. Die Abkürzung „Ana“ steht für „Anorexia nervosa“. den medizinischen Begriff für Magersucht. Die Ess-Brech-Sucht Bulimie hat unter dem Spitznamen „Mia“ eigene Fans auf den Seiten.

Beide Essstörungen gelten als schwere psychische Krankheiten. Die meisten Pro-Ana-Anhänger glauben aber nicht, dass sie krank sind. Für sie ist die Welt eine Galerie, in der menschliche Körper ausgestellt werden – und deswegen, glauben sie, müssen diese Körper Kunstwerke sein. Sie vertreten ein Schönheitsideal, das krasser ist als alles, was in Paris und New York über die Laufstege stöckelt. Wie es aussieht, erklären Pro-Ana-Anhänger auf zahllosen Websites, in Foren und Blogs: Fett ist hässlich, Knochen sind schön. Ein perfekter Bauch darf im Sitzen keine Falten werfen, sondern muss sich nach innen wölben. Hüftknochen, Rippen und Wirbelsäule sollen sich so deutlich abzeichnen, dass die Haut wie eine dünne Decke ist, die über ein Skelett geworfen wurde. Das Ganze klingt wie der Alptraum eines diätgeplagten Teenagers, ist in Wirklichkeit aber eine Art Subkultur, die immer größer wird, und deren Mitglieder sich über die ganze Welt vernetzen. Trotzdem bleiben ihre Anhänger im Verborgenen. Es gilt die Regel: Wer pro ist, schweigt. Geredet wir nur im Netz.

„Dies ist ein Pro-Ana-Forum! Wenn du dich damit nicht identifizieren kannst, bitte ich dich, dieses Forum wieder zu verlassen! Wir sind kein Diätforum! Wenn du also keine Essstörung hast, bist du hier nicht richtig!“
Es sind nicht Julia oder Tanja, die hier zur Begrüßung Klartext schreiben, aber sie könnten es sein. Die Warnung steht im Eingangsbereich des Forums, das sie gemeinsam mit ein paar Freundinnen betreuen. Die Botschaft ist eindeutig: Gäste sind hier unerwünscht, die Pro-Ana-Gemeinde will unter sich bleiben. „Ist doch klar“, meint Julia, „die meisten kapieren doch gar nicht, was wir hier machen.“ Sie sollen wegbleiben, die Spanner und Spinner, die sich durch die Seiten klicken, um die User mit Fragen zu nerven oder zu schimpfen. Hausfrauen vielleicht, die auf der Suche nach Diättipps hier landen und erst mal einen schweren Schock bekommen, wenn sie versehentlich „Ana’s Gebote“ anklicken, eine Art Grundgesetz der Pro-Ana-Gemeinschaft:
„1. Wenn ich nicht dünn bin, kann ich nicht attraktiv sein. 2. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein!“, heißt es da, und in diesem Stil geht es noch 8 Gebote lang weiter.

Deshalb haben Julia und die anderen die virtuellen Zäune um das Forum hochgezogen, wählen sie jeden Neuen, der mitschreiben möchte, jetzt penibel aus. Nicht bloß aus Sorge um andere. Sondern auch, um die Community zu schützen. Die verstößt zwar nicht gegen das Gesetz, indem sie Magersucht als Lifestyle propagiert. Aber sie macht Werbung für eine lebensgefährliche Krankheit. Und das ist den meisten Anbietern kostenloser Homepages und Foren zu heiß. Sie haben aus den Problemen gelernt, die Yahoo vor ein paar Jahren bekam, als die Bewegung in den USA bekannt wurde: amerikanische Internetsurfer protestierten derart massiv gegen die Seiten, dass Yahoo Pro-Ana-Inhalte jetzt wie Kinderpornos oder Drogenshops behandelt – es schaltet die Seiten ab. Dem Anbieter, der Julias und Tanjas Forum Platz gibt, sind Inhalte egal. Er legt blinkende Banner mit Handywerbung über die Fotos der Knochengestalten.

Vierzig Bereiche gibt es in dem Forum, doch über die Lobby hinaus kommt nur, wer ein paar Mindestvoraussetzungen mitbringt. Das heißt: eine Essstörung im fortgeschrittenen Stadium und den Willen, sie zu behalten. Nur wer die Administratoren von beidem überzeugt, darf sich den Rest des Forums ansehen. Und merkt dann schnell, dass die Zugangssperre Sinn macht. Von außen betrachtet wirkt das Forum allein schon der Bilder wegen ziemlich unheimlich – ein knochiger Engel, der über allem schwebt, Mädchen, die blutige Tränen weinen. Im Inneren wird es konkreter: Am harmlosesten sind noch die Fotogalerien mit Bildern von Nicole Richie, den Olsen Twins und unbekannten Models, die wie Strichmännchen aussehen: dürre Körper mit Köpfen darauf, die im Verhältnis riesig wirken. Die Textbeiträge gehen in die Einzelheiten: Kotztipps zum Beispiel („Lass dir vom Zahnarzt die Zähne versiegeln, sonst macht die Magensäure sie kaputt“ , erprobte Ausreden („Sag deinem Freund, dass du allergisch gegen Butter bist“ und akribisch geführte Esstagebücher („Heute zwei Toasts gegessen. Verdammt!“ . Im „Forum-Contest“ wetteifern Mitglieder darum, wer am schnellsten abnehmen kann. Und im Bereich „Twin-Corner“ suchen sich User Sparringspartner, um gemeinsam zu hungern.

In der Twin-Corner haben sich auch Julia und Tanja kennen gelernt. Vielleicht hätten sie nie ein Wort miteinander geredet, wenn sie sich auf einer Party begegnet wären: Julia, die etwas von einer Diva hat, mit ihren blonden, langen Haaren, dem hübschen Puppengesicht, der etwas schnippischen Art. Und Tanja, die mit ihren aufgestellten, roten Haaren und dem direkten Humor in eine Kölsch-Kneipe passen würde – wenn sie sich das Biertrinken nicht schon vor langer Zeit abgewöhnt hätte. Als Twins sind Julia und Tanja die besten Freunde, weil sie einen gemeinsamen Feind haben: das Essen.

Warum bloß tun sie sich diese Feindschaft an? Julia seufzt, dreht eine blonde Strähne um den Zeigefinger und guckt aus dem Fenster in die verregnete Fußgängerzone der Kleinstadt, in der sie geboren ist. Sie ist nicht hier, um sich zu verteidigen. Sie will auch nicht das Opfer spielen, davon erzählen, dass das Kotzen und Hungern manchmal das Einzige ist, was ihr Halt gibt, auch wenn es noch so wehtut. „Es ist eine krasse Art zu leben, okay“, erklärt sie. „Aber im Grunde sind wir doch wie Spitzensportler. Wir haben unsere Körper auch extrem gut im Griff, nur halt, indem wir wenig essen. Ich kann an dem Buffet da unten vorbeigehen, ohne etwas essen zu wollen. Das ist doch ein gutes Gefühl, sich selbst unter Kontrolle zu haben“, sagt sie herausfordernd. Sie hasst es, wenn in der Öffentlichkeit über Pro Ana geredet wird. „Die Leute halten uns für Verrückte, die arme kleine Magersüchtige noch tiefer in ihr Unglück stürzen“, meint sie verärgert. „Dabei tun wir doch das Gegenteil. Wir helfen uns. Wenn eine zu dünn wird, versuchen wir, sie zum Essen zu überreden. Wir wollen ja nicht, dass das gesundheitsschädlich wird.“

Für einen wie Jan Nedoschill, der täglich versucht, junge Essgestörte von ihrer Krankheit zu heilen, muss das wie blanker Hohn klingen. Als Oberarzt der Jugendpsychiatrie der Uni Erlangen weiß er, dass ihr Zustand nichts mit Lifestyle zu tun hat. „Das ist eine der schwersten psychischen Krankheiten, die wir kennen“, sagt er. Nedoschill ist Gründer der Internetplattform hungrig-online, einer Art Anti-Ana-Seite. Auch dort gibt es Foren, in denen Essgestörte über das Hungern reden – mit dem Unterschied, dass diese User gesund werden wollen. „Viele Pro-Ana-Anhänger sind sowohl auf unserer Seite unterwegs als auch in ihren eigenen Foren. Sie wollen gesund werden, aber sie haben Angst, dass sie dann alles verlieren“, sagt er. Pro Ana kann nicht nur Halt geben: Es bedient auch die Illusion, dass ein perfekter Körper möglich ist, wenn man sich selbst nur hart genug behandelt. Und den Wunsch nach Unabhängigkeit. Denn das verstehen schon Kleinkinder, zum Essen kann einen keiner zwingen – nicht die Eltern, nicht der Arzt, nicht der liebe Gott.

Die meisten Pro-Ana-Anhänger handeln nach einer Junkie-Logik: Sie wissen, dass sie damit umgehen können. Dabei spricht alles dagegen: Etwas fünf Millionen Deutsche leiden an Essstörungen, meistens junge Menschen, und vor allem Frauen. Gerade Magersucht ist lebensgefährlich: Etwa jede sechste Kranke stirbt früher oder später an den Folgen der Krankheit. Das liegt daran, dass Bulimiker und Magersüchtige ihre Gesundheit nach und nach, absichtlich oder unbewusst zerstören. Kein Körper hält es auf die Dauer aus, ausgehungert zu werden, jede Speiseröhre wird löchrig, wenn sie wieder und wieder halbverdautes Essen erbrechen muss. Mangelernährung macht Knochen brüchig und kann sogar das Herz aus dem Rhythmus bringen. Viele Pros werfen außerdem noch einen Cocktail aus Abführmitteln, Brechmitteln und Appetitzüglern ein. Sie können kaum noch so viel Wasser trinken, wie sie mit Gewalt aus sich herauszwingen, irgendwann funktioniert kein einziges Organ mehr richtig, und spätestens dann klappt auch der Kreislauf zusammen. Doch bevor es so weit ist, versucht der Körper noch eine Weile verzweifelt, sich um den Zusammenbruch herumzutricksen. Extremsportler wissen, wie auf dem Höhepunkt der Anstrengung auf einmal dieses Glücksgefühl reinkickt. Ein ausgehungerter Körper produziert einen ganz ähnlichen Effekt, weil er ebenfalls sein Letztes gibt. Er schüttet Endorphine, Glückshormone aus. Wenn der Magersüchtige wieder etwas isst, fühlt er sich am Boden zerstört. Der Hormonkick kann süchtig machen.

Als Tanja vor ein paar Wochen auf die Badezimmerwaage stieg, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Sofort setzte sie sich an den Computer und schrieb einen Forum-Eintrag: „Das Schuften hat sich gelohnt, Leute, ich bin soooooooooo glücklich! Heute morgen auf der Waage: 45 kg.“

So tief unten war ihr Gewicht noch nie. Wenn sie heute von diesem Moment erzählt, kriegt Tanja wieder rote Wangen. „Endlich hatte ich mein Ziel erreicht.“ Wie die meisten Magersüchtigen hat sie immer auf den Tag gehofft, an dem sie dünn genug sein würde, um endlich ein zufriedener Mensch zu sein. Laut der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik hat ein Mensch mit einem Body-Mass-Index von 18,5 Punkten oder weniger Untergewicht. Tanjas Ziel, auf das sie monatelang verbissen hingehungert hat, waren 15 Punkte. Sie ist nicht naiv. Sie weiß, dass alle Magersüchtigen eine Körperschemastörung haben, dass ihr Kopf ihr also einen Streich spielt, wenn sie in den Spiegel guckt. Egal, wie viel sie wiegt: ihr Spiegelbild hat bis jetzt noch immer „zu fett“ geschrieen. Langsam siegt die Furcht in Tanjas Kopf über das Glücksgefühl. Sie hat Angst, dass auch die 45 Kilo in ein paar Wochen wieder zu schwer an ihr hängen werden.

Jetzt schon zahlt sie einen hohen Preis für ihr Schönheitsideal. Wie die meisten Pros hat sie viele Zahlen im Kopf, kann auch im Schlaf noch BMIs berechnen und Kalorienangaben herunterrattern. „Der Keks da hat circa 65 Kalorien, der Cappuccino 80“, sagt sie und zeigt auf die Tasse, „aber Milchschaum ist gut, der macht satt.“ Sie weiß, wie viele Kalorien der Ketchup von McDonalds und wie viele der von Aldi hat, und wie sie aus Tomatenmark, Süßstoff und Wasser einen Ketchupersatz zusammenrühren kann, der kalorienfrei ist.
Doch die Magersucht zerrt nicht nur an Tanjas Nerven, sie zehrt auch an ihrer Gesundheit. Ständig bekommt sie blaue Flecken, ihre Kondition ist kaputt, das geliebte Reiten musste sie aufgeben, weil sie nicht mehr auf dem Pferd sitzen kann. Sie hat den Kreislauf ihres schmächtigen Körpers so weit heruntergefahren, dass er mit einem einzigen Brötchen am Tag auskommt. Wenn sie noch weiter abnehmen wollte, könnte sie nicht einmal mehr das essen. Ihr ist klar, was das bedeuten würde. „Ich will nicht sterben“, sagt sie leise.
Vor kurzem hat sie deshalb eine Therapie angefangen und hofft, dass sie ihren Kopf genauso überwinden kann, wie sie es mit ihrem Körper getan hat. Ein Teil von ihr weiß, dass sie dafür das Pro-Ana-Forum verlassen müsste, aber genau das will sie nicht, trotz Therapie. Von dort wegzugehen, würde bedeuten, ihre besten Freunde zu verlieren, Julia und all die anderen im Forum, die sie im Grunde besser kennen als ihre eigene Mutter.

Das Forum ist mehr als ein Treff für Essgestörte, es ist eine Gemeinschaft. Neben den Hardcore-Bereichen gibt es Türen, auf denen „Villa Kunterbunt“ und „Kaminzimmer“ steht. Da schreibt die Userin thinlizzy ihr Lieblingsrezept für fettfreie Kirschmuffins auf, und mascara quatscht über Keanu Reeves’ Hintern. Fast könnte man vergessen, dass das virtuelle Kaffeekränzchen aus Menschen besteht, die sich knallhart und systematisch kaputtmachen: Magersucht und Bulimie wirken hier nicht wie Probleme, sondern wie anstrengende, aber durchaus glamouröse Hobbys. Als wäre das Leben mit Magersucht im Prinzip das Gleiche wie ein Leben auf dem Surfbrett – eine Frage des persönlichen Stils. Auf amerikanischen Pro-Ana-Websites kann man sogar entsprechende Accessoires bestellen: rote Armbänder für Pro Ana, lilafarbene für Pro Mias.
Niemand kann genau erklären, warum es die Pro-Ana-Bewegung gibt, genauso wenig wie man weiß, warum Menschen Essstörungen bekommen. Klar ist nur, dass immer mehr Magersüchtige und Bulimiker Pro-Ana-Seiten bauen und besuchen. In den USA, wo die Bewegung entstanden ist, wurden vor kurzem Zahlen erhoben: Auf jede Website, die Essgestörten helfen soll, kommen jetzt schon fünf Pro-Ana-Seiten.

Fest steht eigentlich nur eins: Magersucht und Bulimie gibt es nicht erst, seit sich dünne Models auf Plakaten räkeln. Die Bezeichnung „Anorexia nervosa“ hat ein Londoner Arzt Ende des 19. Jahrhunderts geprägt, also lange bevor Kate Moss geboren wurde. Fest steht aber auch, dass superdünne Vorbilder etwas auslösen. Anders lässt sich kaum erklären, dass Essstörungen nur in den Teilen der Welt massenhaft vorkommen, in denen schlanke Menschen als schön und erfolgreich gelten – in den USA, Europa und in Japan. Die Ex-Magersüchtige und Ex-Bulimikerin Marya Hornbacher drückt es in ihrer Autobiografie so aus:

„Auch mir standen andere Methoden zur Selbstzerstörung zur Verfügung, unzählige Ventile, die ich für meinen Perfektionismus, meinen Ehrgeiz, meine übertriebene Intensität hätte suchen können. Aber ich wählte die Essstörung. Deshalb glaube ich, dass ich mir andere Mittel gesucht hätte, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden, wenn ich in einer Gesellschaft aufgewachsen wäre, die ‚Schlankheit’ nicht zu einem hohen Gut erklärt.“

Ob Julia sich vorstellen kann, etwas zu finden, das die Magersucht in ihrem Leben ersetzt? „Nee, dann wäre ich ja nicht dünn“, sagt sie und lächelt halb, wie jemand, der keine Lust hat, zum zehnten Mal etwas zu erklären, dass eigentlich klar sein sollte. Dann drückt sie ihre Zigarette aus, lehnt sich zurück und sagt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in 20 Jahren immer noch pro bin. Egal, was sonst so ist.“

Tanja sitzt etwas zusammengefallen in ihrem roten Golf und winkt zum Abschied. Sie sieht traurig aus. Später wird sie noch eine E-Mail schreiben: „Ich will endlich gesund werden wollen“, steht darin.



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